In drei Wochen gibt es was zu feiern!

Seit einigen Tagen „flattert“ schon die Zahl 145 durch die Sozialen Netzwerke unseres Ortsteils. Fragen gab es, was damit wohl auf sich hat – vor allem, als die 145 mit dem Zusatz „1. Mai – NORD LIVE“ gekoppelt worden war. Ein Bürger aus der Dornburger Straße dachte, es gäbe 145 Ärzte in Jena-Nord, rief an und war enttäuscht, dass es dann nicht ganz so viele sind. Eine ältere Dame meinte, die 145 hätte etwas mit einer neuen Buslinie zu tun, doch auch da musste wir leider entäuschen. Doch um was geht es bei der Zahl 145?

Saalbahnhof mit Saalbahnhofsvorplatz – blau markiert – in einer Luftaufnahme von Ernst Wandersleb – Bildrechte: Archiv für Geografie des IFL Leipzig.

Nun, man soll die Feste feiern, wie sie fallen und „Von nüscht kommt nüscht“, wussten schon unsere Vorväter. Also: am 30. April 2019 wird der Jenaer Saalbahnhof 145 Jahre alt und damit begann ja einst die Historie unseres Stadtteils Jena-Nord, denn zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die kleine Universitätsstadt Jena eine der schlechtesten Verkehrsverbindungen im Deutschen Reich. Abseits der Hauptreiserouten gelegen und ohne Schiffbarkeit der Saale war es 1851 der Initiative von Vertretern der Universität und Wirtschaft zu verdanken, dass man ein Projekt ins Auge fasste, durch welches unsere Saalestadt durch eine Eisenbahnlinie einen beispiellosen Aufschwung erfahren sollte. Gesagt getan und man gründete das „Jenaische Centralcomité zur Erbauung einer Thüringer Saalbahn“.

Der historische Saalbahnhof im Jahre 1880 – Abbildung © Sammlung Jena

Die Vertreter dieses Komitees, allen voran drei Professoren der Jenaer Universität namens Schleiden, Danz und Schmid, baten im Sommer 1852 in einem Schreiben an die Stadtväter um Unterstützung und schrieben darin u.a.: „Es bedarf keiner Auseinandersetzung von unserer Seite, um den Gemeinderath darauf hinzuweisen, (…) daß eine solche Bahn das jetzt isolirte – weit aus dem Verkehr des Lebens hinausgedrängte Jena wieder in den Weg der großen Weltstraßen bringen würde und so einen entscheidenden fördernden Einfluß auf das Gedeihen unserer Universität ausüben würde. Es liegen nur zu viele Beispiele vor, daß Studierende welche bei der Wahl einer Universität schon zum Theil günstig für Jena gestimmt waren, nur aus dem Grund einen anderen Ort wählten, weil, wie sie sagten, Jena außer der Welt sei und keinen erfreuenden Aufenthalt mehr darbieten könnte.“

Annonce zur Eröffnung des Personenverkehrs auf der Saalbahn am 1. Mai 1874 – Abbildung © Sammlung Jena

Daraufhin wurden Pläne geschmiedet, Gespräche geführt, Streckenpläne entworfen, Grundstücke gekauft, Geld gesammelt oder kreditiert, schließlich Bauanträge erstellt. Es dauerte und dauerte und dauerte bis schließlich am 1. Mai 1874 der Zugbetrieb auf der Saalbahn aufgenommen wurde. Ebenso wichtig für die privat geführte „Saal-Eisenbahn-Gesellschaft“ war der neuerbaute Saalbahnhof, in dem sich die Zentrale der Gesellschaft befand und der einen Tag zuvor feierlich eröffnet worden war.

Da es jedoch mir der konkurrierenden Weimar-Geraer Bahn zu keiner Einigung auf einem gemeinsamen Hauptbahnhof in Jena gekommen war, hatte die Weimar-Geraer-Bahn im Westen unserer Stadt einen eigenen Bahnhof gebaut und Jena einige Zeit zwei Hauptbahnhöfe. Dies belegt auch, dass die Politik schon vor rund anderthalb Jahrhunderten nur begrenzten Einfluss auf manche städtebaulichen Entwicklungen hatte.

Der Saalbahnhof mit Bahnhofsvorplatz um 1930 von der Straßenseite aus gesehen – Abbildung © Sammlung Jena

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich jedoch der Saalbahnhof als der Bahnhof durchgesetzt, an dem sowohl Menschen aus dem weiteren Umland als auch den Metropolen Berlin und München in die Provinz nach Jena kamen, darunter 1914 der Schriftsteller Kurt Tucholsky (der vor Prof. Eduard Rosenthal seine Doktorarbeit der Juristerei zu verteidigen hatte) oder 1916 Karl Liebknecht (der sich als Militärangehöriger auf Heimaturlaub aus Berlin verbotener Weise nach Jena begeben hatte, um mit Otto Rühle eine illegale Osterkonferenz der Arbeiterjugend abzuhalten und gegen die Fortführung des Krieges agitierte).

Der Saalbahnhof von 1945 bis 1965 (vom Volksmund ‚Bahnhof Bretterbude‘ genannt) – Abbildung © Sammlung Jena

Zum Ende des 2. Weltkrieges wurde der Saalbahnhof mit seinem Hauptgebäude bei amerikanischen Bombenangriffen nahezu in Gänze zerstört; bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Alliierten innerhalb von nur wenigen Wochen große Teile unserer Stadt und des Stadtzentrums dem Erdboden gleich gemacht und 709 Menschen den Tod gebracht. Als Saalbahnhofs-Ersatz entstand nach Kriegsende eine Baracke, die zwei Jahrzehnte lang als Provisorium diente, bevor 1965 ein neues Empfangsgebäude fertiggestellt wurde und in Betrieb ging.

Nach 1990 wurde der Saalbahnhof kurzzeitig Hauptdienststelle für alle Eisenbahnen im Bereich Jena – dann wechselte die Verantwortung nach Saalfeld. Als die Stadt Jena in den 1990er Jahren schließlich einen IC-Halt bekommen sollte, entschied sich der Stadtrat dafür, die Deutsche Bahn um einen Haltepunkt an stadtzentraler Stelle zu bitten und der Bahnhof Jena-Paradies übernahm vom Saalbahnhof die Rolle als Jenas Hauptbahnhof.

Die Rüdersdorfer Schalmeienkapelle bei einem Auftritt – Foto © MediaPool Jena

Um 145 Jahre Saalbahnhof, 145 Jahre Saalbahn-Linie und 145 Jahre Jena-Nord für unseren Stadtteil ein klein wenig zu würdigen und zu feiern, veranstalten die FDP-Jena-Saale-Holzland und Ortsteilbürgermeisterkandidat Rainer Sauer am 1. Mai ein „Kleines Maifest auf dem Emil-Höllein-Platz“, zu dem alle Menschen aus Jena-Nord – egal ob jung oder alt – bei freiem Eintritt recht herzlich eingeladen sind.

Neben einem großen Show-Auftritt der legendären Rüdersdorfer Schalmeienkapelle gibt es zum Maifeiertag auf dem Zentralplatz des Wohngebietes Nord I noch weitere Attraktionen zu erleben, über die wir in den nächsten Tagen und Wochen hier und auf Facebook noch ausführlich berichten werden. Erste genauere Informationen hierzu gibt es am Samstag, den 13.04.2019 im Rahmen unserer Veranstaltung „NORD LIVE – Gespräche | Musik | Geschichten“ um 16:00 Uhr in Doreen Hornbogens „Café C’ést la vie“ am Nordfriedhof 2.

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