Schicksalstag: Heute vor 74 Jahren wurde der Saalbahnhof zerbombt

Bald feiert unser Saalbahnhof wieder Geburtstag, doch heute vor genau 74 Jahren war sein Schicksalstag und das kam so:

Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die kleine Universitätsstadt Jena eine der schlechtesten Verkehrsverbindungen im Deutschen Reich. Abseits der Hauptreiserouten gelegen und ohne Schiffbarkeit der Saale war es 1851 der Initiative von Vertretern der Universität und Wirtschaft zu verdanken, dass man ein Projekt ins Auge fasste, das unsere Saalestadt durch eine Eisenbahnlinie (die erste ihrer Art war 1835 in Bayern von Nürnberg nach Fürth in Betrieb genommen worden) einen – so der Plan – beispiellosen Aufschwung erfahren sollte. Gesagt getan und man gründete das „Jenaische Centralcomité zur Erbauung einer Thüringer Saalbahn“.

Die Vertreter dieses Komitees, allen voran drei Professoren der Jenaer Universität namens Schleiden, Danz und Schmid, baten im Sommer 1852 in einem Schreiben an die Stadtväter um Unterstützung und schrieben darin u.a.: „Es bedarf keiner Auseinandersetzung von unserer Seite, um den Gemeinderath darauf hinzuweisen, (…) daß eine solche Bahn das jetzt isolirte – weit aus dem Verkehr des Lebens hinausgedrängte Jena wieder in den Weg der großen Weltstraßen bringen würde und so einen entscheidenden fördernden Einfluß auf das Gedeihen unserer Universität ausüben würde. Es liegen nur zu viele Beispiele vor, daß Studierende welche bei der Wahl einer Universität schon zum Theil günstig für Jena gestimmt waren, nur aus dem Grund einen anderen Ort wählten, weil, wie sie sagten, Jena außer der Welt sei und keinen erfreuenden Aufenthalt mehr darbieten könnte.“

Das historische Gebäude des Saalbahnhofs Jena um 1880

Daraufhin wurden Pläne geschmiedet, Gespräche geführt, Streckenpläne entworfen, Grundstücke gekauft, Geld gesammelt oder kreditiert, schließlich ein Bauantrag erstellt, Es dauerte und dauerte und dauerte bis schließlich am 30. April 1874 der Zugbetrieb auf der Saalbahn aufgenommen wurde. Wichtiger für die privat geführte „Saal-Eisenbahn-Gesellschaft“ war der neuerbaute Saalbahnhof, in dem sich die Zentrale der Gesellschaft befand. Da es jedoch mir der konkurrierenden Weimar-Geraer Bahn zu keiner Einigung auf einem gemeinsamen Hauptbahnhof in Jena gekommen war, hatte die Weimar-Geraer-Bahn im Westen unserer Stadt einen eigenen Bahnhof gebaut und Jena einige Zeit zwei Hauptbahnhöfe. Dies belegt auch, dass die Politik schon vor knapp 150 Jahren nur begrenzten Einfluss auf manche städtebauliche Pläne hatte.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich jedoch der Saalbahnhof als der Bahnhof durchgesetzt, an dem sowohl Menschen aus dem weiteren Umland als auch den Metropolen Berlin und München in die Provinz nach Jena kamen, darunter 1914 der Schriftsteller Kurt Tucholsky (der vor Prof. Eduard Rosenthal seine Doktorarbeit der Juristerei zu verteidigen hatte) oder 1916 Karl Liebknecht (der sich als Militärangehöriger auf Heimaturlaub aus Berlin verbotener Weise nach Jena begeben hatte, um mit Otto Rühle eine illegale Osterkonferenz der Arbeiterjugend abzuhalten und gegen die Fortführung des Krieges agitierte).

Luftaufnahme vom Angriff auf Jena im April 1945 – Foto ©GeoBasisDE / TLVermGeo

Zum Ende des 2. Weltkrieges wurde der Saalbahnhof im März 1945 bei amerikanischen Bombenangriffen schwer beschädigt. Am 9. April 1945 erfolgte mit einem schweren Angriff auf den Saalbahnhof und das nördlich gelegene Reichsbahnausbesserungswerk sowie die nebenstehenden Gebäude der Löbstedter Straße, der letzte große Luftangriff auf Jena mit etwa 100 Toten und rund 40 komplett oder schwer beschädigten Gebäuden, wobei das Bahnhofshauptgebäude nahezu in Gänze zerstört wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Alliierten innerhalb von nur wenigen Wochen große Teile unserer Stadt und des Stadtzentrums dem Erdboden gleich gemacht und 709 Menschen den Tod gebracht.

Das 1965 neu entstandene Gebäude des Saalbahnhofs Jena

Als Saalbahnhofs-Ersatz entstand nach Kriegsende eine Baracke, die zwei Jahrzehnte lang als Provisorium diente, bevor 1965 ein neues Empfangsgebäude fertiggestellt wurde und in Betrieb ging, in dem sich heute der Kulturbahnhof befindet. Im Nachkriegsjena hatte der Saalbahnhof für unsere Stadt große Bedeutung für den Güterverkehr. Der heute baulich umgenutzte Güterschuppen ist das letzte Zeugnis jener Zeit. Über die Anschlussgleise und die Verladerampen des Saalbahnhofs wurden Jenaer Betriebe und die HO mit Waren beliefert. Es gab sogar für Lebensmittel sowie den und Obst- und Gemüse-Großhandel Extragleise. Buchautor und Eisenbahnexperte Werner Drescher berichtet in einem seiner Bücher davon, dass hier bis zu 100 Wagenladungen Ortsfracht pro Tag ankamen.

Nach 1990 wurde der Saalbahnhof kurzzeitig Hauptdienststelle für alle Eisenbahnen im Bereich Jena – dann wechselte die Verantwortung nach Saalfeld. Als die Stadt Jena in den 1990er Jahren schließlich einen IC-Halt bekommen sollte, entschied sich der Stadtrat dafür, die Deutsche Bahn um einen Haltepunkt an stadtzentraler Stelle zu bitten und der Bahnhof Jena-Paradies übernahm vom Saalbahnhof die Rolle als Jenas Hauptbahnhof.

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