„Respekt kann man nicht lernen, den hat man…“ – Ein Kommentar von Rainer Sauer

Man stelle sich vor (was nicht schwer ist, weil es schon passierte): Gegnerische Fans malen die Tribüne der Jenaer Südkurve in ihren eigenen Farben an. Was passiert? /// Man stelle sich weiter vor: Schutz- oder Wohnungssuchende besetzen das Haus, in dem die Insel in Jena ihren Platz hat (es handelt sich dabei um das Gebäude mit der Hausnummer 9a, in dem zwei Insulaner eine Wohnung gemietet hatten, in dem aber abends in allen Wohnungen das Licht brennt), weil sie es gut finden, dort zu leben. Leider ist dann nicht mehr Platz für die bisherigen Bewohner. Was würden die Insulaner machen? /// Und dann stelle man sich vor, die Radaue bekäme einen Ort in unserer Stadt, an dem sie bleiben könnte, an dem also fliegende Bauten oder Wohnwagen zum dauerhaften Aufenthalt nicht geduldet sondern erlaubt sind. Und dann kämen Jenenserinnen und Jenenser oder europäische Mitbürger_innen mit ihren Fahrzeugen und der Platz ist schon voll, wenn die Wagenbürger ankämen. Wie würden diese reagieren?

Man weiß es nicht. Anzunehmen ist jedoch, dass sowohl die Südkurve-Fans, als auch die Insulaner, als auch die Wagenbürger Respekt und Rücksichtnahme ihnen und ihren Anliegen gegenüber einfordern würden. Mindestens! – Nun ist das mit dem Respekt aber so eine Sache. Respekt anderen gegenüber kann man nicht lernen, den hat man oder man hat ihn nicht. Im Bereich der Soziokultur in unserer Stadt kann man zwei Strömungen feststellen, wobei man vielleicht erst einmal definieren sollte, was Soziokultur ist. Hierunter versteht man im Grunde die Summe aus allen kulturellen, sozialen und politischen Interessen und Bedürfnissen unserer urbanen Gesellschaft, wobei die Wortverbindung 2018 in unserer Stadt oft nicht das enge Zusammenwirken zwischen sozialen und kulturellen Aspekten gesellschaftlicher Gruppen und ihren Wertesystemen zum Thema hatte, sondern jeweils allein das auf den eigenen Vorteil bedachte Denken und Handeln kleiner gesellschaftlicher Gruppen.

Ob es sich um den Wagenplatz handelte, den „Insel“-Standort im Stadtzentrum oder das Thema Südkurve: stets gingen Protagonisten wie Unterstützer nicht wirklich soziokulturell vor, sondern manchmal erstaunlich eigensinnig projektbezogen. Für den Wunsch „Wagenplatz bleibt“ ignorierten einige Stadträte für acht Wagenbürger Thüringer Kommunalrecht, immer wieder wurde „Insel bleibt – Nitzsche muss weg“ skandiert, obwohl ein seit Jahren feststehender Bebauungsplan den Umzug schon lange vorsah, und die Aktion „Südkurve bleibt“ war im letzten und in diesem Jahr Vorwand für Sachschäden in Höhe von vielen zehntausend Euro durch mit Parolen verschmierte Hauswände und die Weigerung der Südkurve-Fans, für die Beseitigung der Sachschäden einzustehen.

Was bei dem Spiel „Wer am lautesten schreit, hat recht“ aber leicht übersehen wird: Soziokultur in Jena ist nicht nur Wagenplatz, Insel und Südkurve sondern auch Zirkus Momolo, „Schloß Neuschweinstein“, die Imaginata, der Kulturbahnhof und viele andere Projekte. Und nur wenn es der Kultur unserer Stadt insgesamt gut geht, geht es auch gut mit städtisch geförderter Soziokultur. Jedoch vermeintliche Rechte einzufordern und hiervon keinen Zentimeter abzuweichen, selbst wenn Recht und Gesetz und Bürgerempfinden dagegenstehen, ist meiner Meinung nach kontraproduktiv und vielleicht sogar im Grunde soziokultur-schädigend. Doch noch einmal zurück zum Thema Respekt.

Da hatte doch ein Bewohner der Insel auf ebay für einen wohltätigen Zweck – sprich: zugunsten der Bürgerstiftung Jena – eine „unbezahlbare Gelegenheit“ mit Jenas Oberbürgermeister ersteigert. Was er ersteigerte war ein Abendessen mit OB Dr. Thomas Nitzsche und die Insel (bzw. der Insulaner) zahlte dafür knapp 400 Euro. Für den Gewinner der ebay-Auktion stand auch fest: das Essen findet zu einem gemeinsam festzulegenden Termin statt. Doch ein Bündnis aus Insel, Radaue, Südkurve plus Café Wagner und dem Geburtshaus Jena e.V. will daraus ein „Gesprächsshow“-Happening, eine Soziokultur-Performance machen. Bis zu 400 Menschen sollen morgen, ohne dass dies mit Dr. Thomas Nitzsche abgestimmt worden wäre, um 18:30 Uhr für „das große Nitzsche Essen“ ins F-Haus kommen und – wenn der OB mit dem Insulaner speist – Nitzsche wohl den Appetit verderben durch eine (Zitat) „interaktive Diskussion mit Saalmikrofon – Es soll nichts Unausgesprochenes geben.“

Man angenommen, das Stadtoberhaupt käme, was sollte sich / was würde sich ändern? Kann Nitzsche es morgen Abend allen recht machen? Verschwinden dann über Nacht alle Schmierereien an den Hauswänden, würde der FCC vielleicht doch nicht absteigen, würden Insel, Radaue, Südkurve endlich gelernt haben, was gegenseitiger Respekt ist? Ich weiß es nicht, denn ich bleibe dabei: Respekt kann man nicht lernen, den hat man oder man hat ihn nicht.

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